Keine Worte

Schon als es an der Tür klingelte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Doch ich wartete seinen Blick ab, was er daraus machen wollte. Er setzte sein normales Gesicht auf und ich spielte mit. Es war seine Entscheidung, ob er sich mir öffnen wollte oder nicht und das hatte ich auch zu akzeptieren. Deshalb tat ich so, als würde ich nicht mitbekommen und erzählte von meinem Tag. Es wirkte alles wie immer. Wir redeten und lachten, ganz unbeschwert und leicht. Eine Sache war jedoch anders. Seine Augen glänzten nicht wie immer, der Glanz war wie ein beschlagener Spiegel, aber ich wusste nicht, wie ich ihn wieder abwischen konnte. Also nahm ich seine Hand und drückte sie kurz. Eine normale Geste, mit der ich trotzdem hoffte ihn erreichen zu können und ihm zu sagen, dass ich für ihn da bin. Er lächelt sein trauriges Lächeln und küsst mich auf die Stirn, der Kuss, den ich am liebsten von ihm mag. Es tut mir so unendich leid, dass ich ihm die Last, die auf seinen Schultern liegt nicht abnehmen kann. Warum erzählt er nichts? Vielleicht vertraut er mir nicht genug oder er will nicht, dass ich ihm helfe.


Ich bin überfordert, will etwas tun, aber fühle mich nicht gut genug dafür. Diese Gefühle, die in den Augen zu sehen waren, versetzten mir einen Stich. Wie kann es zu diesem Zustand gekommen sein, in dem er mir alles veschweigen muss? Als ich ihm über den Kopf streicehe, zieht er mich fest an sich und hält mich einfach nur. Nach einiger Zeit kann ich fühlen, dass er sich immer mehrentspannen kann und ich bin etwas erleichtert. Als wir uns voneinander lösen, glitzern seine Augen kurz auf und ich lächele fragend. Er flüstert nur ein leises Danke und ich frage mich nur, wofür. Schließlich habe ich nichts getan und es gibt nichts, wofür man mir danken könnte.

Manchmal nur allein sein

Abhängigkeit.



Jeder ist von irgendetwas abhängig. Ich bin abhängig von anderen Menschen. Fühle mich nur normal, wenn ich zugehörig zu etwas bin. Doch wenn ich mal alleine bin, merke ich, wie komisch das manchmal ist. Niemand wirkt richtig echt, wenn er mit anderen zusammen ist. Bin ich ich, wenn noch drei weitere Personen neben mir sitzen? Verstelle ich mich unterbewusst und wie nimmt man mich wahr? Ich merke selber, dass ich häufig nur eine Facette zeige und wenn die bricht, dann schäme ich mich schnell danach dafür. Aber das sollte nicht notwendig sein. Doch manchmal wäre ich liebe alleine. Da muss ich nicht darauf achten, wie ich bin, wie ich wirke, ob ich Fehler mache, die man sieht, ein Bild aufrecht zu erhalten, was nicht erhalten bleiben kann und trotzdem authentisch zu sein. Allein halt man keine Richtlinien, Vergleichsmöglichkeiten oder Standarts an die man sich halten sollte und man muss keine Vorurteile wieder gerade biegen und die Lästereien und gehässigen Kommentare über sich ergehen lassen. Da ist man nur für sich selbst verantwortlich, kann so sein, wie man ist, sich selber besser kennen lernen und der einzige Anker, mit dem man sich festigen kann, ist man selber. Es gibt keine Hoffnungen, die einen enttäuschen lassen, kein Vertrauen, welches gebrochen wird und keine Gefühle, die einen schwanken lassen, wer man selbst eigentlich ist.



Realitätstraum

Ich stand in einer Menge von Menschen. Überall um mich herum war Chaos und ich wusste nicht, was zu tun war. Es standen ein halbes Duzend Häuser in Flammen, Geschrei und verzweifelte Menschen, egal wo ich hinschaute. Doch ich, ich stand da nur in der Unfähigkeit mich zu bewegen und war vollkommen überfordert mit der Situation. In dem Wissen, dass ich hier weg musste, aber es nicht konnte, ging mein Atem immer flacher und flacher und die Panik breitete sich erst langsam und schließlich vollkommen aus. Selbst als ein kleines Kind an meiner Hand schüttelte und weinend nach ihrer Mama fragte, konnte ich nichts tun und blickte mit meinen starren, vor Schreck geweiteten Augen in den Himmel, an dem plötzlich ein brennendes Stück Holz der Häuser auftauchte, welches mich eindeutig treffen würde. Meine letzten Gedanken waren nur, dass es nun endlich, endlich vorbei sei.


Doch dass es nicht vorbei war, merkte ich einige Sekunden später in meinem Bett, in dem ich lag und feststellte, dass es nur ein Traum gewesen war. Nur? Nein, bestimmt nicht. Innerlich hatte mich das Chaos schon längst eingenommen. Früher warst du da, um neben mir zu liegen und mich mit deinem gleichmäßigen, beständigen Atem und dem leichten Druck deiner Hand in meiner zu beruhigen. Wenn ich mich daran zurückerinnere, dann wird mir ein kleines bisschen wärmer ums Herz, bis mich die Realität wieder einholt  und mir bewusst wird, dass es dich nicht mehr gibt. Nicht für mich. Das schon länger nicht mehr, auch wenn ich das noch nicht akzeptiert hatte, weil mein Verstand einfach nicht mitmachen wollte. Wie auch? Es passierte schließlich von jetzt auf gleich. Aber ich konnte damit umgehen, wusste, wie ich mich verhalten muss und kann.


Doch hiermit konnte ich nicht mehr umgehen. Damit, dass es dich nun nicht mehr nur für mich nicht gibt, sondern für alle. Das dumpfe Gefühl schwebte schon seit einiger Zeit über mir, auch wenn es niemand mitbekam. Trotzdem konnte und wollte ich es nicht glauben und verdrängte es, da ich die Verantwortung nach deiner Entscheidung nicht mehr tragen sollte, egal, ob ich wollte oder nicht. Aber jetzt war es zu spät. Jetzt kann ich dir nicht da zurückgeben, was ich von dir bekommen habe. Ich kann nicht mehr deine Hand drücken und dich berühigen. Ich werde nie mehr deinen Atem auf meinen Lippen spüren und das wird auch niemand anderes mehr von dir spüren. Denn das war deine Entscheidung. Dabei wollte ich nur, dass du glücklich bist. Und da wütete das Chaos weiter in mir, doch ich war unfähig, mich daraus zu retten.




Literatur: Laute Stille

Zum zehnten Mal innerhalb der letzten zwei Minuten griff ich zum Handy. Immer noch nichts. Nur leider wurde die Nachricht schon vor 17 Minuten gelesen. Es kam nichts mehr, das wusste ich selbst, doch ich wollte es eben nicht. Logisch nicht. Die letzte Nachricht lautete: Kommst du morgen mit mir in den neuen Harry Potter Film?


Vorher war alles gut gewesen. Wir hatten ein paar Mal telefoniert, weil das viel besser als schreiben ist, und uns echt gut verstanden. Sonst wechselten wir auch ein paar Sätze schriftlich. Es lief gut und ich war glücklich. Hatte mir schon Hoffnungen gemacht. Endlich traute ich mich nach einem "Date" zu fragen, auch wenn das Wort blöd klingt. Doch dann das...


Auch noch zwei Tage später kam nichts. Ich wollte nicht hinterherlaufen und ihn nochmal fragen. Wenn es ihn interessiert hätte, hätte er geantwortet. Also ging ich mit meiner besten Freundin in den Film und postete ein überglückliches Bild, damit er sah, dass ich trotzdem Spaß hatte. Allerdings war das nicht die Wahrheit.
Das Handy war und blieb still und somit auch meine Wohnung irgendwie leer, weil ich mich plötzlich allein fühlte, auf nichts mehr wartete. Wenn alles andere aber stumm bleibt, schreit der Kopf nur

Warum? Was ist passiert? Warum ist er so feige und kann nichts, egal was, dazu sagen? Stille ist schlimmer, als jedes Wort. Hab ich Fehler gemacht? 


Dann versucht man sich zu sagen, dass man viel zu gut für ihn ist. Man findet jemand besseren oder braucht niemand anderen um glücklich zu sein. Das ist die Wahrheit, denn so jemanden braucht kein Mensch und es gibt immer bessere. Jeder weiß das, aber der Kopf bleibt weiterhin laut.




Literatur: Was, wenn Engel fallen...


Und dann stürzte ich in die Tiefe, deren Boden noch nicht einmal sichtbar war.
Vorher habe ich mir unendlich viele Gedanken gemacht, was danach passieren könnte. Nach dem Fall vom Himmel, der viele Jahre mein Zuhause gewesen war. Die Gründe waren mir wohl bewusst, warum ich nun diesem Weg folgen musste.

 
Schon immer war ich sehr direkt und impulsiv gewesen, was dazu führte, dass ich nicht immer aufpasste, wer mich hörte, wenn ich mich aufregte. Das ließ man sich natürlich nicht gefallen, weil es nicht üblich war. Alle und jeder waren immer und überall bedacht darauf gewesen, was man sagt und vorallem wer es hört. Eigene Meinungen waren nicht gern gesehen; im Gegensatz zu Anpassung. Wenn man aber genau schaute, konnte man erkennen, wie mühselig es für jeden war, immer eine Maske tragen zu müssen; immer auf der Hut zu sein, dass die Fassade nicht bröckelt. Es zerstörte jeden.


Trotzdem war dort meine Familie und ich hatte sie im Stich gelassen, war nicht achtsam genug gewesen.
Der Fall wurde immer als das schlimmste von allem angesehen. Angeblich soll er schmerzhaft sein, wie ein Band, welches dann, nicht wie ein Pflaster mit einem Ruck, sondern langsam reißt und die Verbindung durchtrennt wird. Über das Leben danach, falls man es überhaut so nennen kann, wird kaum gesprochen. Gefallene sind abtrünnige; sie gehören nicht mehr dazu, sind schmutzig und haben die Engelsmagie verloren, weshalb sie normal und langweilig sind. In die Welt der Menschen zu kommen war eine Beleidigung. Menschen waren dumm, unbesonders und irgendwie alle die gleichen. Einer hatte das Sagen und alle rannten hinterher. Als ich genauer darüber nachdachte fiel mir allerdings kein großer Unterschied zu uns auf.


Dennoch waren wir die Beschützer, übergeordnet und angesehener. Wir wurden bewundert, auch wenn sich hauptsächlich Sagen um uns rankten. Wir- ich war nicht mehr das wir. Jetzt wo ich fiel, fehlte einem Menschen sein Bewacher. Was geschah dann mit ihm? Für sein Schicksal war ich verantwortlich. Und ich war nun ganz allein, hatte niemanden mehr.  Mir rollte die erste rote Träne über die Wange, während ich das realisierte. Für den Rest des Falls war mein Kopf wie leergefegt. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen; fühlte nur noch den Schmerz der Trennung.


Unerwartet sachte landete ich schließlich auf der Erde und schloss die Augen, weil ich nichts sehen, hören oder fühlen wollte. Ich wollte nicht hier sein, weinte um das, was ich verloren hatte. Die Überforderung und der schmerz nahmen mich vollkommen ein.
Und dann, irgendwann, öffnete ich die Augen.

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